Suche
Suche Menü

»Craquelé« Arbeiten der Kalligrafiegruppe »lettera« nach Haikus von Rudy Vandercruysse

27. Juni bis 20. September 2020 / 1. Ausstellung 2020

»Craquelé«, Kalligrafie von Frank Fath.

Craquelé
60, fast 61 Dreizeiler in Erinnerung an Roger Willemsen (15. 08. 1955 – 07. 02. 2016)

Aus einem Wort Roger Willemsen kann, kaum verändert, ein Dreizeiler nach dem Zeilen- und Silbengesetz eines Haiku werden:


Man kann das Leben
Nicht verlängern, aber man
Kann es verdichten

Er war ein Meister der Verdichtung. Beim Lesen seiner Bücher »Momentum« und »Der Knacks«, die voller Augen- blicke, mal Licht- mal Dunkelblitze, sind, bildeten sich mir haiku-artige Dreizeiler als weisse, schwarze und manchmal mit Adern durchzogene Strandsteine, die ich von der Wan- derung durch die Bilder seines Lebens mitnehmen wollte. Der Knacks ging schon durch den Anfang. Im Laufe seines Lebens wurde er immer hörbarer. Das von ihm gewählte Motto von Francisco de Goya aufgreifend schrieb ich:

Falten im Gesicht
Auch die Zeit ist ein Maler
Alterscraquelé

Als ich von der Nachricht seines Todes überrascht wurde, fragte ich mich, warum mich das erschreckte. War »Der Knacks« nicht ein angekündigter Tod, eine Sterbe- Übung? Ist Leben nicht sterben? Umso mehr, wenn ein Mensch heute lebt? Wenn er ein denkender Mensch mit offenen Sinnen ist? Muss er nicht an seiner Zeit zugrunde gehen, mit seiner Zeit zu Grunde gehen?
Aber deswegen werden wir ihn vermissen; sein Hin- gehen lässt eine erschreckende Lücke in einer Welt,in der so viele Menschen leben, die ihre Leere wie »röhrender Hirsche, vollgesogen mit Schwindel«, zu übertönen ver- suchen. »Wer wir waren« ist die Verdichtung seines nicht geschriebenen Buches, aus der wir einen Dreizeiler dieser kleinen Sammlung hinzugefügt haben.
Es sind am Ende so viele wie sein Lebenslauf Jahre zählte. Das letzte ist unvollendet, die dritte Zeile blieb offen. Was machen wir daraus?

Rudy Vandercruysse, Frühlingsanfang 2017