Übersicht Ausstellungsarchiv Kalligraphie und Schriftkunst 1992 bis 2015
3. Kalligraphie-Ausstellung 2006 | Prof. Werner Schneider

Um einen besseren Zugang zu Werner Schneiders Arbeiten zu finden, ist es wichtig zu wissen, daß er wesentlich von seinem Lehrer Prof. Friedrich Poppl geprägt wurde, der ein untrügliches Formempfinden besaß und unerbittlich im Ringen um Formqualität war. Während Schneiders 40-jähriger Lehrtätigkeit an der Werkkunstschule/Fachhochschule Wiesbaden waren die 25 Jahre gemeinsamer Lehre mit Poppl die fruchtbarsten für seine schriftkünstlerische Ausrichtung.

Schneiders freikünstlerische Arbeiten bilden den Humus für sein Schriftdesign. Aus diesem Blickwinkel sind seine klassischen Arbeiten am besten zu verstehen. Eine intensive Auseinandersetzung mit dem zeitlos gültigen Formengut, namentlich der römischen Kapitalschrift, ist unverkennbar. Die Geheimnisse der Gestalteigenschaften der nahe der Vollkommenheit konzipierten Ausgangsschrift der abendländischen Schriftkultur sind nur über den Schreibvorgang zu ergründen. Hohes Formempfinden und disziplinierte Vortragsweise führen zu solchen Ergebnissen. Dabei bezeichnet Schneider die Sensibilität seiner Hand als wertvollstes Kapital.

Diese statischen Exerzitien finden ihre Krönung in seinen Satzschriften Schneider-Antiqua, Senatus, Aeneas und Schneider-Libretto. Schrift braucht Erfahrung im Sehen! Nicht von ungefähr waren die bedeutendsten Type-Designer des vergangenen Jahrhunderts auch hervorragende Kalligrafen.

In völligem Kontrast zu den statischen Arbeiten stehen die expressiven und spontanen Vortragsweisen. Schneider versteht sich hier als visueller Textinterpret. Sein Anliegen liegt darin, dem Textinhalt eine adäquate Form, mithin Anmutungsqualität zu verleihen, wobei die Lesequalität nicht im Vordergrund steht.

Schneider verabscheut neuere Tendenzen in der Kalligrafie, wobei die eigentliche Form qualität meist im Dickicht von Überlagerungen unkontrollierbar auf der Strecke bleibt und unserem Kulturgut nur schadet. Jeder billige Gag hat heute Hochkonjunktur. Nach wie vor gilt es, diesem unschätzbaren Kulturgut im Ringen um hohe Formkultur den besten Dienst zu erweisen. Wir leben heute in einer Zeit, die technisch alles kann, visuell immer weniger versteht. So gesehen ist die Schulung von Kopf, Auge und Hand wesentliche Voraussetzung für das Formverständnis der Schrift in unserer computergeprägten Zeit.

Das OEuvre von Schneiders Schriftkunst befindet sich im Archiv der Akademie der Künste Berlin. Weitere Arbeiten u. a. in der Arts Special Collection of San Francisco Library, im Victoria and Albert Museum London, im Klingspor-Museum Offenbach etc. Werner Schneider hat weltweit Ausstellungen veranstaltet und zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten.

Prof. Werner Schneider


Informations-Folder zu dieser Ausstellung
 


Satzschrift »Senatus« von Werner Schneider


Schriftblatt von Werner Schneider


Schriftblatt von Werner Schneider